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Geschichte


In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden in Nord-Estland ein Drittel der bis heute erhaltenen Gutshöfe errichtet.

Das schöne Gutsensemble Saue ist eines der besten Beispiele des architektonischen Frühklassizismus in Estland. Den im 16. Jahrhundert errichteten Gutshof erwarb im Jahr 1774 Frederich von Fersen. 1792 wurde das heutige schöne Herrenhaus und die damit harmonierenden Speicherhalle und Kutschenschuppen, die bogenförmig um den Vorderplatz angeordnet sind, fertiggestellt. Es wurde ein grosser Park angelegt.

Die Säle des Hauptgebäudes bieten einen der Epoche charakteristischen bunten Anblick, es herrscht eine gewisse malerische Unordnung. Jeder Raum erhält eine besondere Atmosphäre durch eigene Farblösung und eigene Themenvariation des Stuckdekors. Nicht alle Stuckarbeiten stammen aus dem 18. Jahrhundert, die Stukkatur mit einfacherem Dekor ist auf das Jahr 1805 zu datieren. In den Innenräumen des Gutshofes stammen Türen, Lambriien und die Gitter der Haupttreppe aus der Rokokozeit und daher aus der Bauperiode von J. Schultz.

Der Park von Saue sollte eine kleine Abbildung von Versailles werden. Der im englischen, d.h. im natürlichen Stil angelegte Gutspark sollte verschiedene Naturaussichten bieten. Darin finden sowohl Rasenflächen, frei gruppierte Bäume, Büsche, Pavillons als auch Skulpturen Platz. Die um die Mittelachse des Gesamtensembles gelegenen Skulpturen - Herakles, der aus dem Schattenreich den Höllenhund Zerberus gerettet hat, sowie die wunderschöne Leda mit dem Schwan - bilden die Hauptakzente der Anlage.



16. - 17. Jahrhundert

Der erste, uns bekannte Besitzer des Gutes Saue war der aus Westfalen stammende Remmert von Scharenberg, der das Lehnsrecht direkt von der dänischen Königin Margarete bekam. Bevor der künftige Gutsbesitzer nach Saue zog, war er zwischen 1528 und 1532 Vogt von Narva, in den Jahren 1534-1549 beim Tallinner Komtur tätig. Neben den ländlichen Besitztümern gehörten ihm noch mehrere Häuser in Tallinn. 1549 wurde er in der Niguliste Kirche (Nikolaikirche) begraben.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts erwarb den Gutshof Bernhard von Scharenberg. Er verdient genannt zu werden wegen seiner häufigen Eheschließungen und Schenkungen an die Kirche. Lassen wir unserer Phantasie freien Lauf und nehmen an, dass zwischen den beiden Gegebenheiten ein Zusammenhang besteht!

Auf Bestellung des Gutsbesitzers fertigte einer der führenden Schnitzer von Tallinn, Tobias Heintze im Jahr 1632 den Altar von Keila an. Auf den Flügeln des Altars sind die Donatoren (Geber, Spender) B. von Scharenberg und seine zweite Frau Anna von Rosen porträtiert. Wir dürfen hinzufügen, dass der Gutsherr auch zum dritten Mal heiratete und fast hundert Jahre alt wurde. Auch eine weitere Kirchengabe ist bekannt. Die Oleviste Kirche (Olaikirche) erhält eine Kanzel zum Geschenk (wurde beim Brand 1820 zerstört). Also musste das Gut Saue in der Zeit des B. von Scharenberg prächtig ausgesehen haben, denn er hatte Geld und verstand es auch seine Meister auszuwählen.

Einen Hinweis auf den Prunk des Gutes stellt der aus der gleichen Periode erhaltene Steinsockel der Windfahne dar. Darauf sind eine Maske mit breitem Lächeln und das von Putti (Kinder in Engelsgestalt, in der Skulptur oder Malerei dargestellten kleinen nackten Kinder (mit Flügeln) in dekorativen Gruppen) gehaltene Wappen mit den drei Rosen der Familie von Rosen abgebildet. Eine Bildhauerei diesen Ranges findet man nur bei bedeutenden Gebäuden.



18. - 19. Jahrhundert

Die zweite Periode in der Geschichte des Gutshofes Saue eröffnete der Major Frederich Herman von Fersen, der das Anwesen im Jahr 1774 erwarb. Es handelt sich um ein bahnbrechendes Jahrzehnt in der Gutsarchitektur Estlands. Eine Zeit, in der laut den Aussagen der Zeitgenossen alles auflebte und sich entfaltete. Mit dem wirtschaftlichen Wohlstand hielten Prunksucht und ein verschwenderischer Lebensstil Einzug. Dies alles wird beim Anblick des Hauptgebäudes des Gutes Saue und des ganzen Ensembles ersichtlich.

Von Fersen bestellte zum Architekten des Herrenhauses Johann Schultz, unter dessen Leitung in Tallinn, auf dem Toompea (Domberg) das Gebäude des Gouvernements fertiggestellt worden war. J. Schultz war zum ersten Architekten des Gouvernements ernannt worden. Neben den architektonischen Fertigkeiten beherrschte er hervorragend die Stucktechnik (Stuck - Gemisch aus Gips zur Formung von Ornamenten), die er beim Verzieren des Weißen Saales des Toompea Schlosses sowie des Gutshofes Saue einsetzte.

Im Gutshof Saue kann man auch beeindruckende Tischlerarbeit bewundern. Mit ihrem hohen Niveau ragen im Landkreis Harjumaa Ääsmäe, Ohtu, Ingliste und Saue hervor. Während die im Rokokostil oder sogar noch mit einem Hauch von Barock ausgestatteten Hauptportale von Ääsmäe und Ohtu aus der Werkstatt des berühmten Tallinner Tischlers Anthony Raabe stammen, kann man in Saue seine Arbeiten aus der etwas späteren Schaffensphase in Form von Türtafeln der Seitenfassade des Hauptgebäudes bewundern. Die gerollten Spitzen der Leisten, die die Türtafel flankieren, sowie die proportional niedrigen und schroff vorspringenden Stützpunkte lassen vermuten, dass die Tür in der Werkstatt von Raabe angefertigt wurde. Man kann sich nur vorstellen, wie die Haupttür ausgesehen hat. Die jetzige stammt vom Anfang des 19. Jahrhunderts.

Das Hauptgebäude ist noch wertvoller, wenn man sich bewusst macht, dass sich im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts im Zusammenhang mit dem Aufkommen des Klassizismus, die Tischlerarbeit, die bei der endgültigen Bearbeitung eingesetzt wurde, vergröberte. Nicht die Originalität und die Einzeldetails gaben den Ton an, sondern die Tischler fingen an, Musterbücher zu benutzen, was zur Folge hatte, dass ihre Arbeiten einander bis zur Verwechslung ähnelten. In Saue kann man die Originalhandschrift des Meisters noch erkennen und ablesen.

Im Jahr 1792 war von Fersen gezwungen, das Gut gegen einen Pfandbrief den Besitzern des Gutshofes von Saku (Sack), dem Fürsten Friedrich von Rehbinder und seiner Gattin Fürstin Gertrud abzutreten. Neue Eigentümer zogen in Saue ein. Im Jahr 1794 wurde in Saue ihr zweiter Sohn geboren, auch andere Kinder kamen hier auf die Welt. Sogar dann, als die Kinder in Saku ein neues Hauptgebäude im Stil Peters I. fertiggestellt hatten, zogen die Eltern es vor, lieber in Saue zu bleiben.

1860 kaufte die Familie von Straelborn das Gut Saue.



20. - 21. Jahrhundert

Die dritte Periode in der Geschichte des Gutshofes Saue begann nach dem estnischen Unabhängigkeitskrieg, nachdem die von Straelborns nach Deutschland gingen und den Gutshof an die Republik Estland verkauften. Die Republik Estland verschenkte das Gut samt 50 Hektar Land an den Helden des Freiheitskrieges, an Johannes Erm. Leider war das Leben des Johannes Erm kurz, so dass der Gutshof seit 1925 seiner Gattin und Familie gehörte.

In der Zeit der russischen Besatzung erlebte das Gut eine abwechslungsreiche Geschichte. Hier befanden sich in verschiedenen Zeiten ein Altersheim, ein Krankenhaus für chronisch Kranke, ein Maschinen-Traktoren-Ring, das Regionalbüro des Unternehmens für Estnische Landwirtschaftliche Technik (EPT) (das gegen Ende der 80er Jahre den Gutshof Saue renovieren ließ), ein Kindergarten, die Stadtverwaltung von Saue und die Büro- und Produktionsräume der zu der Stadtverwaltung gehörenden Fa. SAUREM.

Im Jahr 1995 wurde der Gutshof an die Tochter von Johannes Erm, an Frau Elga Viilup zurückgegeben, die wiederum das Ensemble an die Familie Kriisa verkaufte.

Der Text basiert auf den Materialien des Vortrags der Inspektorin des Denkmalschutzamtes Frau Silja Konsa über den Gutshof Saue und wurde mit ihrer Genehmigung zitiert.